Inklusion & Digitale Bildung - Vom Ende der Schule

Das beherrschende Thema - wenn es aktuell um die Entwicklung von Schule geht - ist zweifelsfrei die Digitalisierung von Schule und Unterricht. Welche Folgen und Konsequenzen diese meiner Meinung nach für die Gesamtheit von Bildung und für das System Schule hat, habe ich bereits in anderen Beiträgen formuliert (unter anderem zu grenzenloser Bildung). Provokativ könnte man vom Ende der Schule sprechen. Einer Schule, die sich selbst überlebt hat. Doch nicht so schnell.

 

Bildung und das Bildungssystem in Deutschland definieren sich über Grenzen. Wir grenzen Schulformen voneinander ab. Wir trennen Fächer und Inhalte. Wir separieren und unterteilen. Es geht vielmehr um das Bewahren von Bildungsprivilegien als um echte und vor allem (bildungs-) gerechte Schulentwicklung. Das Festhalten an einem dreigliedrigen Schulsystem im inklusiven Kontext ist dabei im Grunde sinnfrei und führt den Begriff der Inklusion ad absurdum. 

 

Die Disruption durch die digitale Transformation wird durch die Inklusion mindestens verstärkt. Im eigentlichen Wortsinne (Disruption = radikale Umwälzung) sorgt praktizierte und gelebte Inklusion selbst für die Disruption des Schulsystems. Nur merkt man davon wenig bis gar nichts. Das mag sicher an den zweifelsfrei schlechten Bedingungen und mangelnden Ressourcen liegen mit der dieses reiche Land der Thematik begegnet. Zum Anderen - und hier liegt der Vergleich mit der 'Digitalen Bildung' auf der Hand - hängt viel von der Haltung der Lehrkräfte und deren Verständnis von Unterricht zusammen. 

 

Da ich selbst in der Lehrerausbildung arbeite, ist mir bewusst, dass auch gerade in diesem Bereich zu wenig Schulentwicklung betrieben und zu viel an traditionellen didaktisch-methodischen Konzepten festgehalten wird. Sicherlich verständlich: So etwas wie digitale und inklusive Didaktik hat es noch nicht gegeben (siehe Disruption). So bleiben viele Maßnahmen palliativ (siehe Axel Krommer) und der Prozess eine Findungsphase. 

 

"Eine zeitgemäße Schule muss sich an den Veränderungen der Welt orientieren und ihre Inhalte und Methoden entsprechend anpassen. Am Bisherigen unhinterfragt

festhalten wird auf Dauer nicht funktionieren.“ 

(Honegger 2017)

 

Wer loslässt, hat beide Hände frei

Wenn wir aber wirklich Ernst machen mit inklusiver Bildung in der digitalen Welt, dann sind die Folgen für das Bildungssystem, die Schule, den Unterricht und die Rolle der Lehrenden und Lernenden in diesem Kontext brachial und der Einschnitt so radikal, dass die Konsequenzen für alle Beteiligten tatsächlich dieser Disruption entsprechen. Ja, wenn...

 

Um das tradierte Betriebssystem schulischer Bildung im Sinne seiner User zu hacken, bedarf es weitreichender Veränderungen besonders in den drei großen Bereichen: Schule, Unterricht und der Rolle der Lehrenden. Zeit zu Warten bleibt nicht. Die Digitale Transformation in Verbindung mit echter inklusiver Schule setzt genau an den zentralen Stellschrauben (Prozessoren) der Schule an:

 

 

Ob die radikale Umwälzung tatsächlich gewollt ist steht auf einem anderen Blatt (man betrachte hierzu z.B. das Programm der 2. Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz an der Goethe-Universität). 

Der Zwang zur Veränderung des Schulsystems ist meines Erachtens jedoch offenkundig. Inklusion und Digitalisierung der Gesellschaft passen nicht wirklich in die gegebenen Strukturen. In der digitalen Bildung sehen daher viele Enthusiasten den Trigger für eine nachhaltige Runderneuerung von Schule. Die 'Bewahrer' sehen den endgültigen Verlust ihrer (Schein-) Kontrolle. Dafür kann ich durchaus Verständnis aufbringen. Denn der "neue" Agregatzustand von Lernen führt bei allen Beteiligten zu Verunsicherung und vielleicht auch zu Ängsten. Was ist eigentlich mein Job? Wer hat eigentlich das Sagen, wenn vier bis fünf Erwachsene ein einem Klassenraum mit zwanzig Schüler*innen sind? 

 

Der Spagat Vorgaben des Lehrplans erfüllen zu müssen und auf die Wünsche, Interessen und Leidenschaften aller Kinder und Jugendlichen gleichermaßen und doch individuell einzugehen kann Schmerzen verursachen. Bei den erprobten kooperativen wie individuellen Methoden bleibt das Setting durch die Lehrkraft inszeniert, die entsprechende Materialen auswählt und (bestenfalls differenziert) bereitstellt. Schülerorientierung als Mogelpackung?

Auf die Vorbilder unserer eigenen Schulzeit und auf das erlebte Setting an der Universität können wir schwer zurückgreifen. Aber alleine diese Einsicht erfordert Selbstreflexion, Empathie und das Zulassen eigener Verwundbarkeit (Die Macht der Verletzlichkeit). Für uns Lehrkräfte bedeutet dies nichts anderes als loszulassen. Kontrollverlust kann auch positiv verstanden werden und viele Chancen bieten. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass nun alles drunter und drüber gehen soll und darf. Es geht vielmehr um das Lernsetting in den Klassenzimmern. Inklusion und Digitalisierung bedeuten in letzter Konsequenz eine völlig andere Didaktisierung und erfordern andere Methodiken und Organisationsformen (Architektur!). Alle Schüler*innen lernen zur gleichen Zeit, den gleichen Inhalt mit der gleichen Sozialform. Dies geht bestenfalls an den Eliteschulen dieser Republik. 

 

Meine Bildungsrealität ist eine Andere: Sozialer Brennpunkt, 30-40% Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung (diagnostiziert), Geflüchtete ohne Sprachkenntnisse, traumatisierte Jugendliche, disfunktionale Elternhäuser usw. Da geht es in erster Linie nicht um die 4K, sondern um das Erlernen und Erleben von Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit. Oft fehlt es schon an der Fähigkeit zur Selbstkontrolle und dem Umgang mit der eigenen Frustration. Schülerinnen und Schüler müssen also Erfahrungen über den Zusammenhang von Handeln und Fühlen sammeln dürfen. Es geht an meiner Schule zunächst gar nicht um Inhalte, sondern um Anerkennung und Wertschätzung.

 

Für uns Lehrende bedeuten diese Erkenntnisse, dass wir an unserer Fähigkeit arbeiten müssen, loszulassen. "Für Lehrende alter Schule sind der verengte Informationskanal und der künstliche Wissensvorsprung im Klassenzimmer notwendig für die eigene Rollensicherheit" (Lindner 2018). Die neue Rolle verlangt jedoch viel mehr als die Fähigkeit des oft selbst erlebten 'Frontaldompteurs'. Die Entwicklung vom Sage on the Stage zum Guide on the Side ist unausweichlich (Inklusion + Digitalisierung) und doch ein zeitintensiver und reflexiver Prozess.

Um das Zahnrad 'Schule' in Bewegung zu bringen sind mutige Schulleitungen gefragt. Mut im Sinne einer gestalterischen Leitung, die in einer vorgelebten flachen Hierarchie den Nährboden zur Vernetzung bereitet und die Umsetzung innovativer Ideen ermöglicht. Fragen zur Taktung und Umsetzung von Fachunterricht lassen sich kreativ beantworten, wenn dies gewollt ist. Wie so oft ist also Schulentwicklung nicht alleine eine Frage von Ressourcen, sondern auch immer eine Frage der Haltung ihrer Gestalter.

 

Am Ende dieses anstrengenden und langwierigen Gestaltungsprozesses steht vielleicht auch das Ende einer Schule, so wie wir sie kennen und selbst erlebt haben. Wie befreiend wäre das denn?!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Waldemar Sobieroj (Dienstag, 09 Oktober 2018 14:52)

    Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich kann deine Argumente nur bestätigen. Stelle nur fest, dass die Gesellschaft, viele Eltern unserer Lernenden, Bildung in der tradierten Form sehen und diese für ihre Kinder erwarten. Wenn es keinen Wandel in der Gesellschaft gibt, wird die Bildungspolitik und erst recht die Bildungsverwaltung nichts gravierend verändern und es bleibt bei den angesprochenen pallitiven Maßnahmen. Wir brauchen für die Disruption die Unterstützung der Eltern.

  • #2

    Jan Vedder (Mittwoch, 10 Oktober 2018 10:42)

    Volle Zustimmung. Die Eltern sind schulisch sozialisiert und übertragen das auf ihre Kinder (geht mir nicht anders). Von daher wird der Prozess im Grunde mindestens eine Generation dauern. Genau wie beim Verständnis für/von Inklusion.