Grenzenlose Bildung

Der Mensch braucht Grenzen. Ohne Grenzen verliert er sich. Oder?

Bildung in Deutschland definiert sich über Grenzen. Wir grenzen Schulformen voneinander ab. Wir trennen Fächer und Inhalte. Wir separieren und unterteilen. Wie war das noch gleich mit der Inklusion?

 

Am letzten Wochenende war ich als Besucher bei den internationalen TabletDays in Rorschach. Die Veranstalter warben unter anderem mit 'Grenzenloser Bildung'. Menschen aus der Schweiz, aus Österreich, Deutschland, Luxemburg, Lichtenstein und Schottland waren am zweitägigen Austausch beteiligt. Doch im Grunde ging es um mehr als um die Überwindung von Ländergrenzen. Es ging (und geht - auch zukünftig!) um die Überwindung von Grenzen im Kopf und um die Verringerung von (inner-) schulischen Barrieren.

Digitale Bildung und Zeitgemäßes Lernen bedeuten vereinfacht: VERNETZUNG. Ich habe das an anderer Stelle in dem Leitsatz (4V) so zusammengefasst: Die Vernetzung von Lehrkräften und die Verbreitung von Ressourcen und Inspirationen führen zur Veränderung von Unterricht und ermöglichen die Verbesserung von Schule zu Gunsten einer zeitgemäßen Bildung. Warum der Begriff grenzenlose Bildung als Zielmaxime (meiner Ansicht nach) viel treffender ist, versuche ich im Folgenden zu erläutern.

 

Nicht digital, nicht zeitgemäß: grenzenlos!

Das Thema 'Digitale Bildung' dominiert aktuell viele Bereiche der Bildungspolitik (Was wird denn nun aus dem Digitalpakt?). Das Buzzword vereinfacht dabei, dass es nicht darum geht Bildung, Schule oder Lernen zu digitalisieren. Die Begriffe 'Digitale Schule' oder 'Digitales Lernen' können nur eine Simplifizierung der Thematik bedeuten. Im schlechtesten Fall verschiebt sich der Fokus vom Lernen zur Technik. Jöran schreibt dazu: "Zum einen sind die Begriffe natürlich Unsinn, weil Bildung, Lernen und Schule selbst ja nicht digitalisiert werden, sondern nur Teile der Informationen und der Kommunikationen, die sie ausmachen. Zum anderen suggeriert die Verkürzung immer die Dominanz von #digital gegenüber Bildung, Lernen oder Schule."  Die inspirierende Keynote von Andrew Jewell bei den Tabletdays brachte es auf den Punkt. Frei wiedergegeben war für mich die Kernaussage: 

 

There is no digital business, there is just business.

There is no digital health, there is just health. 

There is no digital learning, there ist just learning.

 

Folgerung: Es gibt keine digitale Bildung, es gibt bloß Bildung.

 

Auf der Suche nach einer besseren, treffenderen Attribuierung fällt dabei oft der Begriff der zeitgemäßen Bildung. Eine Bildung, die sich den Erfordernissen der Zeit anpasst ist dabei sicherlich wünschenswert und erstrebenswert, doch hat dabei wenig eigenständigen Wert.

 

Für mich ist der tiefergehende Aspekt der Grenzen (Abgrenzung, Ausgrenzung, Beschränkung, Selektion) das wesentlichere Problem aktueller bildungspolitischer Diskussionen. Übergeordnetes Ziel sollte immer Teilhabe sein. Teilhabe an der Gesellschaft, Teilhabe als aktive Gestaltung, Teilhabe als Anspruch auf Bildungszugänge.

 

Unser deutsches Schulsystem basiert jedoch auf Trennung und ist traditionell defizitär ausgerichtet. Das ändert auch das Adjektiv 'zeitgemäß' nicht. Ob das Attribut #grenzenlos es kann mag für viele Haarspalterei sein, doch eben dieses Prinzip der Grenzenlosigkeit wurde doch mit der Erfindung des Internets vor 27 Jahren revolutioniert. Digitale Kommunikation und Interaktion erweitern heute die Möglichkeiten von Schule und Unterricht bei der Ko-Konstruktion von Wissen. Wir sind beim Lernen nicht (mehr) eingeschränkt (beschränkt?) durch Raum, Zeit und Personenkreise. Medienbasiertes Lernen stützt sich dabei u.a. auf Wikis, Blogs oder Social Media. Das Wissensmonopol hat nicht die Schule. Das Wissen ist nicht in den Köpfen, sondern zwischen den Köpfen. Dieser Gedanke führt zwangsweise zu Verunsicherung und zur Krise: Die Grenzen zwischen Lernenden und Lehrenden lösen sich auf. David Weinberger antwortete dazu in einem Interview auf die Frage, ob wir denn überhaupt noch Lehrer oder Forscher brauchen, wie folgt: "Ja, aber diese Leute sind nicht mehr Hüter oder Türsteher des Wissens, sie werden zu Teilnehmern an der Diskussion. Leute, die sich sehr eingehend mit Dingen beschäftigen, werden wir auch in Zukunft brauchen." Türsteher und Hüter stehen dabei wieder für das genaue Gegenteil von Grenzenlosigkeit. Unsere Schulen setzen (mehrheitlich) weiterhin auf Trennung und Selektion. Ich möchte es an einem Beispiel verdeutlichen. Durch den nachstehenden Tweet, der sich auf diesen Artikel bezog, habe ich aktuell eine Diskussion um Fächertrennung angeregt: 

Dabei ging es mir nicht in erster Linie um eine Abschaffung aller Fächer von heute auf morgen oder den Aufruf zu "Jeder macht was er will". Mir ging es in erster Linie um Haltung. Während es hierzulande immer Bestrebungen gibt, den Fächerkanon weiter aufzublähen, geschieht in der Wirklichkeit genau das Gegenteil: Einzelne Wissensgebiete verschwimmen und Lernen erfolgt interdisziplinär. Dass es natürlich auch Spezialwissen benötigt steht dabei außer Frage. Die Sorge um die Berechtigung der eigenen Fachdidaktik ist ständiger Begleiter der Diskussion. Für mich ist es ein Synonym unseres Bildungssystems: Mehrgliedriges, also  trennendes Schulsystem und Inklusion sind ein Widerspruch in sich. Lernen im 45-Minuten-Takt (Ja, es gibt auch 90 Minuten) sind Gift für Gehirn und emotional geleitetes Lernen. 

 

Lernen im 21. Jahrhundert geschieht in Netzen. Kollaboration, Kooperation, Kreativität und Kritik (das 4K-Modell lässt grüßen) geschieht im ständigen Austausch. Wer sich also ernsthaft mit (grenzenloser) Bildung beschäftigen will, muss versuchen Verbindendes statt Trennendes zu entwickeln. Um Schule zu reformieren werden wir Grenzen überschreiten, im juristischen Sinne Grenzbereiche ausloten müssen. Dafür braucht es Offenheit und Mut.