Avatar. Aufbruch. Nach Bandura.

Zum Jahresbeginn möchte ich einige Gedanken zum Thema 'Digitale Bildung' bzw. 'Zeitgemäße Bildung' teilen. Neben den zweifelsfrei großen Chancen und Potenzialen, die uns digitale Medien für die Entwicklung von Unterricht und vor allem für die Weiterentwicklung von Schule bieten, sind auch die Betrachtung von Gefahren und Grenzen für eine realistische Sichtweise im Bildungskontext von Nöten. Dieser Realismus könnte dazu führen, dass die Thematik nicht nur von 'Innovators' und 'Early Adopters' (Rogers) diskutiert wird, sondern auch in Kollegien. Dieser etwas andere Beitrag soll zum Nachdenken und Weiterdenken anregen.

 

Avatar

Als Avatar wird eine künstliche Person oder Grafikfigur bezeichnet, die einen Internetuser in der virtuellen Welt darstellt (vgl. Wikipedia). Beim Einsatz von digitalen Medien im Unterricht kann dies z.B. durch Tablet-Applikationen wie Tellagami, Kouji oder Puppet Pals geschehen. Schülerinnen und Schüler fassen so z.B. Sachinformationen aus Texten zusammen oder stellen Dialoge dar (Sprachunterricht). Diese Form der geschützten Identifikation fördert damit nicht nur kreative Produktionskompetenzen, sondern ermöglicht es zurückhaltenden Kindern oder Jugendlichen sich zu bestimmten Inhalten zu äußern. 

 

Neben diesen Lernchancen lässt das Bild des Avatars aber auch eine kritische Betrachtungsweise zu, bei der eine "künstliche Person" einen Menschen in der realen Welt darstellt. Die Lehrperson als Avatar.

 

Im diesem sehenswerten Ted-Talk von Armel Karboul wird eine Vision von Unterricht aufgezeigt, die (bisher) vor allem in Bildungsentwicklungs-Ländern bereits realisiert wird. Das personifizierte Wissen bzw. die Expertise wird an einem zentralen Ort zusammengeführt und von dort auch geographisch abgelegenen Orten im Sinne des E-Learnings per Video zur Verfügung gestellt. "The most important infrastructure we have is educated minds." (Armel Karboul). Die Anwendung des Wissens wird dabei von Tutoren begleitet, die vor Ort die Lernaktivitäten betreuen. Was für Entwicklungsländer eine Chance (Zugang zu Bildung) darstellt, kann übertragen auf unseren Bildungskontext aber auch zugespitzt bedeuten: Wer ist wessen Avatar? Oder: Obliegt die Entscheidung über die Inhalte und deren Aufbereitung zukünftig der Fernsteuerung? Wie verändert sich die Rolle von Lehrenden? Oder: Wer braucht dann eigentlich noch Lehrerinnen und Lehrer?

 

Hinzu kommt eine dritte Betrachtungsweise, die vor allem uns als Gesellschaft betrifft. Das Stichwort lautet Automatisierung. In Deutschland könnte dies im Jahre 2030 bereits 12 Millionen Bürger und ihre Jobs betreffen. Mir geht es nicht darum die 'German Angst' zu schüren, sondern vielmehr zu Achtsamkeit und kritischer Reflexion (Lembke) anzuregen. Diese Eigenschaften beherrschen Avatare (noch) nicht. Wir besitzen die Freiheit des Denkens und dürfen nicht dazu beitragen, dass zukünftige Generationen zu potentiellen Avataren des Silicon Valley mutieren. In diesem Zusammenhang fordert der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht in einem aktuellen Focus-Interview mehr Aufklärung statt Kybernetik. Die großen Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon malen eine farbenfrohe automatisierte Zukunft, aber berücksichtigen dabei weder Urteilskraft noch Freiheit von Individuen.

 

"Das fängt damit an, dass ich morgens aufwache, mich Angelina Jolie als Hologramm begrüßt und alles über mich weiß: Sie kennt meinen Hormonspiegel, meinen Blutzuckerspiegel, weiß, ob ich gut geschlafen habe, und sie weiß sogar mehr oder weniger, was ich geträumt habe. Mit diesen Daten kann sie mir dann die optimalen Empfehlungen geben, wie ich den Tag gestalten soll, damit für meine Gesundheit und meine Psyche alles bestens läuft und keine Unlustgefühle aufkommen." (Precht)

 

Kritisches Denken und mündige Bürger?

Fehlanzeige.

 

Aufbruch

Der Beginn eines neuen Jahres ist ja üblicherweise nicht nur der Zeitpunkt für gute Vorsätze, sondern für mich persönlich auch immer eine Zeit der Aufbruchstimmung; ein neuer Anlauf um sich zu vernetzen, sich auszutauschen und so Schule und Unterricht ein Stück weit zu verändern oder zu verbessern. Denn die Vernetzung von Lehrkräften und die Verbreitung von Ressourcen und Inspirationen führen zur Veränderung von Unterricht und ermöglichen die Verbesserung von Schule zu Gunsten einer zeitgemäßen Bildung. Meine Ausführungen zum Aspekt der 'Vernetzung' kann man in diesem Beitrag nachlesen.

 

Es wird 2018 wieder neue Kraft benötigt und Überzeugungsarbeit zu leisten sein, um immer wieder darauf zu dringen, dass Lehrerinnen und Lehrern eine digitale Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird (vgl. Honegger). Bei aller (persönlicher) Euphorie ist aber auch immer - im Sinne des hype cycle (Honegger) - ein gewisses Plateau der Produktivität Voraussetzung für eine Annäherung vom analogen und digitalen Lehrerzimmer.

 

Welche nächsten Schritte für den Aufbruch gegangen werden müssen lässt sich diskutieren. Sicher erscheint mir, dass vor allem die Lehrerausbildung eine entscheidende Schnittstelle für die Weiterentwicklung von Schule in einer digitalen Gesellschaft ist. Zukünftige Lehrkräfte werden die Schule der Zukunft mediendidaktisch gestalten und als Multiplikatoren fungieren. Vertiefende Ansichten dazu habe ich bereits hier und hier formuliert. Neben den zu vermittelnden Kenntnissen der Mediendidaktik (Lernen mit Medien) ist aber auch eine Medienerziehung (Lernen über Medien) notwendig. Dies gilt für alle an Schule Beteiligten. Beide Teilbereiche führen zu einer Medienpädagogik bzw. Medienbildung (Petko 2014).

 

"Eine zeitgemäße Schule muss sich an den Veränderungen der Welt orientieren und ihre Inhalte und Methoden entsprechend anpassen. Am Bisherigen unhinterfragt festhalten wird auf Dauer nicht funktionieren. Im Falle der Digitalisierung bedeutet das paradoxerweise sowohl eine Stärkung des Nichtdigitalen als auch der digitalen Kompetenzen." (Honegger 2017)

 

Aufbruch ist kein Verbrechen. Veränderungsprozesse in Schule und Gesellschaft dürfen nicht ausschließlich durch Technik eingeleitet werden (siehe Avatar), sondern sollten aus dem Denken und Handeln von Menschen hervorgehen (siehe Bandura).

 

Nach Bandura

Was verbinde ich mit der Teildisziplin 'Psychologie' meines Studiums? Klar, neben Pawlow und seinem Hund ist vor allem das 'Lernen am Modell' nach Bandura in Erinnerung geblieben. Die Gedanken Banduras erweiterten den bis dato weit verbreiteten Ansatz des Behaviorismus (Konditionierung/Drill-and-Practice) und schufen eine sozialkognitive Lerntheorie. Wikipedia: "Es werden darunter Lernvorgänge verstanden, die auf der Beobachtung des Verhaltens von menschlichen Vorbildern beruhen." Die Zusammenführung von sozialer und kognitiver Perspektive ist dabei Vorreiter für sozialkonstruktivistische Lerntheorien, die Lernen als Interaktion mit Anderen (Petko 2014) begreifen. (Dies stellt einen stark verkürzten Exkurs dar!)

 

An dieser Stelle dürfte der Zusammenhang zur digitalen bzw. zeitgemäßen Bildung deutlich werden. Digitale Kommunikation und Interaktion erweitern die Möglichkeiten von Schule und Unterricht bei der Ko-Konstruktion von Wissen. Wir sind beim Lernen nicht (mehr) eingeschränkt (beschränkt?) durch Raum, Zeit und Personenkreise. Medienbasiertes Lernen stützt sich dabei u.a. auf Wikis, Blogs oder Social Media. Entscheidend bleibt aber weiterhin die didaktisch sinnvolle Inszenierung. Kann das ein Tutor (siehe oben) oder Quereinsteiger eigentlich leisten? 

 

Stichwort: Smartphone. Und hier kommt Bandura wieder ins Spiel. Sein Modell-Lernen bzw. Beobachtungslernen führt zur Selbsterkenntnis, wenn das eigene Kind bastelt.

Zum Einen sind wir als Lehrkräfte natürlich Vorbilder und fungieren sinngemäß nach Bandura als Modell für unsere Schülerinnen und Schüler. 

Zum Anderen bin ich als Vater, sind wir als Eltern, eben in der Verpflichtung zu einem weniger exzessiven dafür mehr reflexiven Umgang mit den digitalen "Ablenkungsmaschinen" unserer Zeit. Dies bedeutet m.E. auch einen 'Rechtsanspruch' auf einen smartphone-freien Esstisch und analoge Kommunikation.

Resilienz, Selbstwert und Selbstwirksamkeit entfalten sich eben nicht über Apps.

Diese Eigenschaften sind aber gerade Kennzeichen selbstbewusster und kritischer Geister, die aufgeklärt sich den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen.

 

Nicht zuletzt wurden die Erkenntnisse Banduras auch in neurowissenschaftlichen Untersuchungen (Spiegelneuronen) bestätigt. Die Existenz dieser Spiegelneuronen wurde dabei erstmals 2010 bei Menschen nachgewiesen und visualisieren sozusagen die Bedeutung von Emotionen und Sozialem Lernen.

 

"Das Digitale verdrängt das Soziale und die empathischen Fähigkeiten nehmen in einer technisierten Zukunft ab" (Lembke 2016)

 

Die Kernbotschaft des kritischen Buches zur Digitalisierung "Das digitale Hamsterrad" wirkt zwar zunächst polarisierend, verweist jedoch sinngemäß auf einen bewussten Umgang mit digitalen Medien. Eben weil wir Erwachsenen Modelle und Vorbilder sind. Dies gilt im Privaten genauso wie in der Schule.

 

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