Digitale Bildung: Ein 4-Augen-Gespräch

In den letzten drei Wochen hatte ich das Privileg unterschiedlichsten Veranstaltungen (Didacta in Hannover, Digital Summit für Lehrkräfte in Hamburg, molol18 in Oldenburg und EducampX in Neuharlingersiel) rund um das Thema 'Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung' beizuwohnen. An vielen Stellen (natürlich auch in der Filterblase bei Twitter) wurde das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln und Sichtweisen z.T. emotional aufgeladen und kontrovers diskutiert. Letztlich zeigt das nichts anderes als die Relevanz für die Schule und die Zukunft unseres Bildungssystems.

 

Im Rahmen meiner Arbeit in der Lehrerausbildung beschäftige ich mich regelmäßig mit dem Thema Kommunikation. Das Vier-Augen-Modell, eigentlich für Schamanen entwickelt, hat seine Gültigkeit im Rahmen von Gesprächsführung und Beratung in der Schule. Laut Dr. Terry Tafoya (indianischer Schamane, Professor für Psychologie) muss der Heiler/Schamane/Berater den zu Heilenden bzw. seinen Gesprächspartner immer durch vier verschiedene Augen betrachten. Wichtig ist – in Bezug auf den Beratungsprozess - dass der Berater jederzeit flexibel von einem Auge/Blickwinkel zum anderen wechseln kann.

 

In der Retrospektive der genannten Veranstaltungen wurde mir klar, dass diese Sichtweisen (leicht angepasst) auch auf den Umgang mit der 'Digitalen Bildung' übertragen werden und so vielleicht zu einer zukünftigen Handlungsperspektive führen können.

Das 4-Augen-Gespräch

Eigener Entwurf nach Henning, Claudius; Ehinger, Wolfgang (2010): Das Elterngespräch in der Schule.  Von der Konfrontation zur Kooperation.

Das Auge der Maus

Die Maus kann mit kleinen Schritten ganz nah an andere Tiere herankommen und hat die Möglichkeit sich bei Gefahr wieder zurückzuziehen.

 

Das Auge des Adlers

Der Adler schwebt in großer Höhe über die Prärie und sieht Ganzheiten und Zusammenhänge. 

 

Das Auge des Falken

In der indianischen Mythologie ist der Falke der Vogel mit dem „scharfen Blick", der den Fokus auf ein Detailmerkmal richtet.

  

Das Auge des Büffels

Der Büffel ist das stärkste und mutigste Tier, das sich vor keinem anderen Tier fürchten muss.

Übertragen bedeutet das die Fähigkeit zu einer klaren Aussage und zu einer Stellungnahme. 

 

Mit diesen vier Augen möchte ich in ein Gespräch mit der Bildung im digitalen Kontext gehen und mithilfe dieser vier Sichtweisen die Dimensionen der Thematik veranschaulichen. Die Bandbreite reicht dabei von einfachster Substitution im Quizformat (Maus) bis zur Revolution des Bildungssystems (Adler). Entscheidend ist dabei die eigene Haltung! Mit fortschreitender Expertise sollte der Diskurs flexibel zwischen den Sichtweisen wechseln dürfen/können.

Die Maus

Von Try and Error, SAMR und Keimzellen

Um einen Einstieg für Lehrkräfte zu schaffen ist es legitim sich der Digitalen Bildung (in diesem Stadium ist der Begriff völlig ausreichend) mit kleinen Schritten zu nähern. Mein Eindruck nach mehreren Veranstaltungen in der Lehrerausbildung ist dabei durchaus positiv. Erste Schritte werden von den angehenden Lehrerinnen und Lehrern gegangen. Manche Barrieren (und Ängste) sind genommen. Es gilt die Kollegien in den Schulen anzustecken und zunächst auf eine angemessene (zeitgemäße) Ausstattung, Aus- und Weiterbildung zu drängen (siehe Falke). Dabei muss es erlaubt sein, Tools auszuprobieren und selbst festzustellen wie sie didaktisch sinnvoll eingesetzt werden können. Dies ist nichts Neues: Es gilt auch für "analoge" Methoden und Medien. Auch ein Gruppenpuzzle oder ein Arbeitsblatt ist nicht per se didaktisch sinnvoll! Try and Error sind der Maus gestattet. Im Sinne des SAMR-Modell des Lernens ist die Substitution ein erster Schritt (es darf gern auch ein Kahoot-Quiz sein).

Mit der Sichtweise der Maus (auch im Verhältnis zum Systemkoloss 'Schule') sind Fehler Teil des Lernwegs. Philip Stade hat dazu ganz aktuell einen tollen Beitrag verfasst. Wir Lehrkräfte fungieren hier als Modell des Lernens.  Das 'Lernen am Modell' nach Bandura erweiterte den bis dato weit verbreiteten Ansatz des Behaviorismus (Konditionierung/Drill-and-Practice) und schuf eine sozialkognitive Lerntheorie. Die Zusammenführung von sozialer und kognitiver Perspektive ist dabei Vorreiter für sozialkonstruktivistische Lerntheorien, die Lernen als Interaktion mit Anderen (Petko 2014) begreifen. Weiteres dazu habe ich hier geschrieben. Für uns Lehrkräfte bedeutet diese Interaktion Zusammenarbeit und gemeinsame Reflexion. Wir sind keine Einzelkämpfer. Für die Anfänger (bezogen auf Digitale Bildung) ist es daher wichtig eine Keimzelle (des Aufbruchs in zeitgemäße Schule) zu bilden. Zwei bis drei KollegInnen mit denen man gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen und vielleicht auch gemeinsame Ansprüche an die Schulleitung formulieren kann (siehe Büffel). Mikrofortbildungen an der eigenen Schule können dann folgend mehr Kolleginnen und Kollegen erreichen. Diese Form der schulinternen Fortbildung wird praxisnah von Frau Sonnig in ihrem Blog beschrieben.

 

Der Adler

Von Palliativer Didaktik, Primaten und Reisezielen

Im Gegensatz zur Maus muss der Adler die Zusammenhänge und das Gesamtkonzept betrachten. Dies kann für Einsteiger leicht überfordernd wirken, ist jedoch im Laufe des Veränderungsprozesses von Schule und Bildung eine zwingend notwendige Sichtweise. Die Transformation der Industrie- zur Digitalgesellschaft ist schon längst im Gange und schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran (VR, KI, Automatisierung etc.). Die Transformation von Schule steckt dagegen in den Kinderschuhen (sie Maus). Axel Krommer beschreibt den aktuellen Zustand als Krise und prägt den Begriff der Palliativen Didaktik. Nicht eine einzelne App wird zur Entwicklung/Verbesserung von Unterricht beitragen, sondern eine Reformierung von Schule und Lernen ist gefordert. Die Toolifizierung und Verquizzung (siehe oben) scheint Schüler vorerst zwar zu motivieren, verändert jedoch nicht das Lernen. Im Gegenteil: Die aktuelle Entwicklung befeuert den Behaviorismus von Skinner. LearningApps und Tablets sind nichts anderes als die moderne Form der Teaching Machine.  

Neue Lerntechnologien müssen (zukünftig) mehr bieten als das Prinzip "Drill and Practice". Zeitgemäßer Unterricht sollte dabei weniger auf kognitive Wissensvermittlung setzen, sondern viel mehr die 4K in den Blick nehmen: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und Kritisches Denken. Dazu schreibt Dejan Mihajlovic in seinem lesenswerten Beitrag. In Rückbezug auf Krommer kommt dem Medium dabei eine entscheidende Rolle zu. Es hat nicht die Funktion eines Werkzeugs und ordnet sich zwangsweise dem Lernziel unter. Viel mehr ergeben sich ganz neue Dimensionen des Lernens (Re-Definition im SAMR-Modell). Dies führt zur Fragestellung: Ist das Primat der Pädagogik für zeitgemäßen Unterricht noch sinnvoll? Kann ich eine Reise unabhängig vom Verkehrsmittel planen? Marc Albrecht-Hermanns hat dies in einem Video veranschaulicht. 

Wir brauchen wir eine Neukonzeption von Unterricht, nicht nur auf inhaltlicher Ebene.

Um der Taxonomie gerecht zu werden, müssen Planung und Vorbereitung von Unterricht neu gedacht werden, denn hier wird die Art und Weise des Lernens bestimmt. Eine Möglichkeit bietet das von der Universität Bern entwickelte Unterrichtsmodell AVIVA. Strukturelle Veränderungen an Schulen sind dabei ein langer Prozess. Dies zeigt sich insbesondere im Umgang mit digitalen Medien. Ob es dabei zur Revolution kommt, lässt sich (noch) nicht sagen.

Dass der bisherige Zustand unseres Bildungssystems nicht zukunftsfähig ist, ist auch der Maus klar. Sie ist dabei aber im Besonderen auf den Adler angewiesen. Denn wenn es tatsächlich zur Revolution kommt, stellt sich die Frage, welche Art von digitaler Revolution wir wollen? Lisa Rosa hat dazu einen Beitrag verfasst (Pflichtlektüre).

 

Wohin geht die Reise? Brauchen wir noch Wissen oder geht es viel mehr um die Vermittlung von Softskills? Der Adler stellt kritische Fragen und sucht Antworten.

Der Falke

Von LearningApps, Prüfungsformaten und Mehrwert

Wie bereits oben beschrieben (siehe Skinner) gibt es zurecht Kritik am sinnhaften Einsatz von Anwendungen wie LearningApps, die am Ende "nur" altes Lernen in digitale Schläuchen verpacken. Das Auge des Falken ermöglicht an dieser Stelle jedoch eine genau Detailbetrachtung. Das didaktische Potenzial einer Anwendung entfalten Lehrende und Lernende im Idealfalls selbst. Wenn also Schülerinnen und Schüler z.B. am Ende einer Unterrichtseinheit mithilfe von LearningApps ein Quiz erstellen, entfaltet sich eine andere Sichtweise. Produktion und Kreation (siehe Bloom) stehen im Mittelpunkt und nicht das (Reproduktions-) Wissen. Dies stellt die Lernenden in den Fokus. Wenn einzelne Apps dann im Klassenordner hinterlegt sind kommt es zu einer Art Peer-Tutoring mit anschließenden Möglichkeiten des Feedbacks. Dieses pädagogische Setting bekommt eine ganz andere Bedeutung im Sinne der Schülerorientierung und der Berücksichtigung von Medienkompetenz. 

 

Am Beispiel von Aufgaben- bzw. Prüfungsformaten wird die "Krise" der Digitalen Bildung besonders deutlich. Um die von der KMK formulierten Kompetenzen wirklich ernsthaft umzusetzen, benötigt es eine neue Prüfungskultur (oder keine Prüfungen?). Prozess- und Kompetenzorientierung im zeitgemäßen Unterricht verlangen einen anderen Typus von Prüfungssituationen. Das Wissensmonopol von Bildungsinstitutionen existiert nicht (mehr). In der Schule geht es aber immer noch um Unterrichtsstoff, Wissensvermittlung, Leistungsmessung, Lob und Tadel. Junge Menschen werden unter Druck gesetzt um Leistung zu erbringen. Das nennt sich dann Bildung. 

Befriedigt die Schule also die Bedürfnisse ihrer Schüler oder die Bedürfnisse der Industriegesellschaft, die gar nicht mehr existiert? Die Wirtschaft sucht längst nicht mehr nach dressierten und gehorsamen Mitarbeitern. Gefragt sind Offenheit, Kreativität und Eigenverantwortung. Den Rest erledigen in Zukunft vermehrt Maschinen. Ob sich dieser Gedanke in unserer Gesellschaft, die von Konkurrenz, Trennung und Leistung geprägt ist, einpflanzen lässt, darf bezweifelt werden. Der Falke muss dennoch diese Tatsache fokussieren. Denn erst wenn wir nicht mehr von Test zu Test arbeiten und uns nicht länger von Prüfung zu Prüfung hangeln, sind wir wirklich offen für neue Lernformate im Sinne der 4K. Erst dann können z.B. Portfolio-Arbeit oder echtes projektbasiertes Lernen fester Bestandteil von Schule werden.

 

In jeder Auseinandersetzung mit dem Thema 'Digitale Bildung' darf ein Begriff nicht fehlen. Mehrwert. Immer wieder wird die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien gestellt. Sicherlich auch befeuert durch das oben genannte SAMR-Modell. Was als eine Art Leiter für die Sichtweise der Maus noch sinnvoll erscheint, lähmt nach und nach die Diskussion um die Veränderung von Unterricht. Es geht schließlich nicht um ein Entweder-Oder, es geht um Koexistenz. (Noch). Wie lange kann sich also die Schule als gallisches Dorf noch halten?

 

 

Der Büffel

Von Rechtfertigungen, Bottom-up und Top-Down-Prozessen

In der Diskussion um die Digitalisierung in der Bildung ist es ab und an von Nöten Stärke zu zeigen. Aktuelles Beispiel ist das neue Buch von Manfred Spitzer und die damit verbundene Aufmerksamkeit. In dem Werk geht es um Einsamkeit, deren Ursache Spitzer (mal wieder) im Internet sieht. In einer Kolumne bei Spiegel Online wird die Methode Spitzer treffend auf den Punkt gebracht. "Einmal mehr wird hier deutlich, was diverse Spitzer-Kritiker über die Jahre immer wieder gezeigt haben: Man kann diesem Autor einfach nicht trauen", erläutert Christian Stöcker seine Sichtweise. Diese und ähnliche Diskussionen rund um das "böse Internet" sind für die Protagonisten nur noch ermüdend. Aus diesem Grund habe ich Grundannahmen formuliert, die nicht länger - im Sinne eines Fortschritts - diskutiert werden sollten:

  • Die digitale Gesellschaft ist da und geht auch nicht mehr weg.
  • Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden.
  • WLAN bedeutet Zugang und Teilhabe.
  • Der Leitmedienwechsel ist in der Schule nicht angekommen.
  • In der Schule geht es nicht um entweder-oder (KEIN analog vs digital).
  • Für Lehrer und Lerner sind vor allem vier Kompetenzen zentral: KreativitätKommunikationKollaboration und Kritisches Denken.
  • Didaktik wird durch Menschen entwickelt und nicht durch Technik bestimmt. 
  • (Kein Mensch braucht Diskussionen über Betriebssysteme)

Weiteres kann man in meinem Beitrag Lehrer(aus)bildung - Lehren und Lernen in der digitalen Welt nachlesen. Damit die Weiterentwicklung (oder Reform) von Schule und Unterricht nicht auf der Stufe der Rechtfertigung stagniert, braucht Schule explizit zwei entscheidende Elemente:

  1. Mutige Schulleitungen, die Top-Down-Prozesse vorantreiben und Rahmenbedingungen schaffen, in denen zeitgemäßes Lernen überhaupt ermöglich werden kann. Hier müssen zusammen mit Schulträgern vor allem technische Infrastrukturen geschaffen werden. Für die Umsetzung an Schulen gilt es Medienbildungskonzepte zu schreiben um damit entsprechenden Bedarf anzumelden. Eine tolle Vorlage stellt Maik Rieken zur Verfügung (auch in Videoform). Um das Kollegium entsprechend zu schulen und weiterzubilden bedarf es eines realistischen Fortbildungskonzeptes.
  2. Neben der Funktion der Schulleitung kommt aber auch dem Kollegium eine entscheidende Rolle zu. Im Bottom-up-Prozess gilt es die Didaktik von digital gestütztem Unterricht zu entwickeln. Die dafür prädestinierten Keimzellen (siehe Maus) werden dabei eine wichtige Rolle zuteil. Hier geht es um praktischen Erfahrungsaustausch und um Vernetzung innerhalb des Systems, aber auch außerhalb mit anderen Schulen und Lehrkräften in ganz Deutschland. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Der Aufbau und die Nutzung eines Persönlichen Lern-Netzwerks kann viele Stunden und Tage an Präsenzfortbildungen ersetzen. Näheres findet sich im Beitrag: Lehrerinnen und Lehrer vernetzt euch!.

Plädoyer

...und die Moral von der Geschicht

Am Ende bleibt die Aufforderung und Erinnerung an alle am Prozess Beteiligten (Anfänger wie Profi), die vier Augen bzw. Sichtweisen zu berücksichtigen. So stehen wir uns im Sinne einer produktiven Entwicklung nicht im Weg. Wir haben ein gemeinsames Ziel:Die nachhaltige Veränderung und Verbesserung von Unterricht in einer zeitgemäßen Schule.