Das Referendariat - Eine Haltungsfrage

Studienseminare haben nicht immer den besten Ruf: "Alltagsfern!" und "Realitätsfremd!".

Immer wieder begegnen mir bei Unterrichtsnachbesprechungen Fachlehrer die (vermutlich) aufgrund von eigenen negativen Erfahrungen im Referendariat eine große Portion Skepsis in die Gespräche mitbringen. Das mag sicher auch daran liegen, dass einige Seminarleiter sich selbst am liebsten reden hören und sowohl Seminarveranstaltungen als auch Nachbesprechungen zur Selbstinszenierung nutzen. Unterrichtsbesuche werden von den Referendaren daher oft als extreme Stresssituationen empfunden in deren Anschluss sich Seminarleiter dann über die Formulierungen der Lernziele ergötzen.

Aufgrund der extremen Verjüngung innerhalb der Seminare (GHR) in den letzten Jahren besteht jedoch die Hoffnung auf Innovation in der Seminararbeit. Lehrer sind Veränderungsagenten! (...Hattie lässt grüßen...).

 

Die rückblickende Betrachtung auf das Referendariat ist neben den individuellen Erfahrungen mit Seminarleitern (natürlich) auch geprägt von der Note, die am Ende auf dem Zeugnis stand. Lehrer, die ständig beurteilen, tun sich bekanntlich schwer damit selbst beurteilt zu werden (vormittags Recht und so).

 

Kritisch nehme ich die Erwartung bzw. die negative Haltung wahr, mit der Universitäts-Absolventen häufig in die heiße Phase der „Lehrerwerdung“ (bescheuertes Wort) eintreten:

 

„Endlich Praxis! Was ich im Studium gelernt habe brauche ich im Unterricht sowieso nicht mehr.“

 

Für die Arbeit im Fachseminar und im pädagogischen Seminar heißt es dagegen oft:

 

„Wieder Theorie! Das muss ich jetzt noch hinter mich bringen und DANN kann ich endlich einfach Lehrer sein.“

  

In der zweiten Ausbildungsphase im Seminar geht es aber genau um die untrennbare Verzahnung von Theorie und Praxis unter Begleitung von Experten, die eine positive Haltung der Referendare voraussetzt um tatsächlich eigenes (Dazu-)Lernen zu ermöglichen. Um diese (ohne Frage stressige) Zeit möglichst gewinnbringend zu gestalten, möchte ich dazu drei Blickwinkel aufzeigen:

 

  1. Seminarleiter als Servicedienstleister
  2. Unterricht als Forschungsfeld
  3. Das Internet als Lernnetzwerk

 

Zu 1.: WIR sind für SIE da. Was im ersten Moment wie der Slogan einer Versicherung klingt ist tatsächlich wörtlich zu nehmen, auch als solche! Meine Existenzberechtigung als Seminarleiter ist der Service an Ihnen als Lehrperson und hat immer die Verbesserung von Unterricht und das Lernen in der Schule im Blick. Sie können von dieser Dienstleistung profitieren und sich professionell reflexiv mit dem eigenen Unterricht auseinander setzen. Bleiben Sie kritisch aber auch selbstkritisch. Die Komplexität von Unterricht ist immens, die Herausforderungen sind groß, sodass wir nur durch Zusammenarbeit und Kooperation leidenschaftlich an der  Verbesserung von Lehren und Lernen arbeiten können. Ich sehe mich dabei als Berater und Lernbegleiter, nicht als Beurteiler. Ich lerne im Übrigen auch dabei. (DAS VERSICHERE ICH IHNEN!)

 

Zu 2.: „Wir müssen erst Mal rauskriegen was dein Seminarleiter sehen will“. Diese Aussage meines Mentors vor meinem ersten Unterrichtsbesuch im Referendariat ist mir in bleibender Erinnerung und war eine Triebfeder dafür, selbst in der Lehrausbildung tätig zu werden. Ich wollte es besser machen (wer behauptet das nicht von sich?!). Planen Sie Unterricht nicht nach der o.g. Devise. Nutzen Sie den geschützten Raum des betreuten Unterrichts und Ihre Stellung als Lehrkraft in der Ausbildung, um sich und Ihren Unterricht zu erforschen. Seien Sie mutig! Die Mehrdimensionalität von Unterricht ist gleichermaßen Herausforderung wie Chance. Endlich dürfen Sie Ihr theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen und Unterricht als Forschungsfeld nutzen: Auspropieren, Fehler machen, Experimentieren und Lernen. Nutzen Sie Gelegenheiten zum Austausch (siehe auch Punkt 3) und evaluieren Sie sich und Ihren Unterricht. Es geht immer um Expertise.

 

Zu 3.: Lehrende sind immer auch selbst Lernende. Was sie nicht sind: Einzelkämpfer! So wie wir Unterricht für unsere Schülerinnen und Schüler kooperativ aufbereiten und Kollaboration fördern, so funktioniert das System Schule nur durch gelungene Zusammenarbeit im Kollegium. Diese Zusammenarbeit sollte und darf sich meines Erachtens aber nicht nur auf den Kosmos der eigenen Schule beziehen. Im Internet, im Speziellen auf Twitter aber auch in anderen sozialen Netzwerken finden sich umfangreiche Best-Practice-Beispiele, Inspirationen und vielfältige Kommunikationsanlässe, um über Schule und Bildung ins Gespräch zu kommen. Zahlreiche Bildungsblogs - die es viel länger gibt als diesen hier! - beleuchten die vielfältigsten Themen. Eine Empfehlung sei erlaubt: www.bobblume.de. Ich selbst bin erst jüngst (viel zu spät!) Twitter beigetreten, habe meine jahrelange Skepsis überwunden und in kürzester Zeit sehr viel zielführenden Input (insbesondere zur Digitalen Bildung) bekommen.

 

Zu guter Letzt: Ich würde mir wünschen, dass die Arbeit der Studienseminare wieder mehr Beachtung findet und die Seminare sich selbst mutiger und innovativer als Leuchttürme der Bildung betrachten und so einen Beitrag zur Verbesserung von Unterrichtsqualität und Schule leisten.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ines Bieler (Freitag, 03 November 2017 22:34)

    Schöner Text, der es genau auf den Punkt bringt - Referenderiat ist die Zeit des Lernens, Probierens, Testens. Und Seminarleiter sollten das unterstützen und begleiten.

  • #2

    Arthur Thömmes (Samstag, 04 November 2017 11:51)

    ‪Als Fachleiter versuche ich den Referendaren das Handwerk des Unterrichtens und viel Lust am Lehrberuf zu vermitteln. Dabei sollen und dürfen sie viel experimentieren. Auch bei Unterrichtsbesuchen ist das ausdrücklich erwünscht. Ich mag keine Showstunden aus der Konserve. Übrigens: Ich spreche hier von mir und meiner Beratungspraxis, liebe Bedenkenträger.